Ohrgeräusche - Tinnitus
Fast jeder hat es schon erlebt: Ein kurzes Pfeifen, Summen oder Zischen im Ohr, das schnell wieder verschwindet. Völlig normal. Anders sieht es aus, wenn dieses Ohrgeräusch, auch Ohrensausen genannt, dauerhaft bleibt oder immer wieder auftritt. Dann spricht man von einem Tinnitus (lat. „tinnire“ = klingeln). Tinnitus entsteht nicht durch äußere Geräusche, sondern im Inneren des Körpers. Nur selten kann man ihn tatsächlich messen, etwa bei Gefäßverengungen, dann nennt man ihn „objektiver Tinnitus“.
Wie stark ein Tinnitus den Alltag beeinträchtigt, vielfältig. Viele Menschen können damit leben, aber bei einigen wird das Ohrgeräusch zur Belastung und führt zu einer eigenständigen Erkrankung, die psychotherapeutische Hilfe erfordert.
Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig, oft liegt Stress oder Lärm dahinter, zum Beispiel nach einem Hörsturz. Betroffene sollten den Arztbesuch nicht aufschieben. Obwohl Tinnitus in jedem Alter auftreten kann, sind besonders Menschen zwischen 40 und 50 Jahren betroffen. Doch auch bei Jüngeren nimmt er aufgrund lauter Freizeitaktivitäten zu. In Deutschland haben etwa 3 Millionen Erwachsene einen chronischen Tinnitus (länger als 6 Monate), jährlich gibt es rund 270.000 neue Fälle. Besonders Schwerhörige und Gehörlose sind häufig
Zwar gibt es keine Heilung, aber verschiedene Behandlungsmethoden helfen, die Lebensqualität zu verbessern. Besonders wichtig sind eine gute Aufklärung und die akustische Stimulation, vor allem bei Schwerhörigen.
Tinnitus - Definition & Einteilung
Man unterscheidet zwei Arten von Tinnitus:
- Objektiver Tinnitus: Dem objektiven Tinnitus liegt eine messbare Schallquelle (z.B. gefäßbedingte, muskulärbedingte oder atemabhängige Geräusche) in der Nähe des Innenohrs zugrunde.
- Subjektiver Tinnitus: Der subjektive Tinnitus (Tinnitus aurium) hat keine Schallquelle im Körperinneren, trotzdem wird von dem Betroffenen aufgrund einer fehlerhaften Informationsverarbeitung im Hörsystem ein Ton bzw. Geräusch wahrgenommen. Diese Form des Tinnitus tritt wesentlich häufiger auf.
Daneben ist eine zeitliche Differenzierung üblich:
Von der akuten Phase (akuter Tinnitus) spricht man in den ersten drei Monaten nach dem Auftreten der ersten Ohrgeräusche, danach handelt es sich um einen chronischen Tinnitus. Teilweise wird auch für den Zeitraum von 3 bis 12 Monaten von einem subakuten Tinnitus gesprochen.
Tinnitus & unser Hörsinn
Geräusche gelangen als Schallwellen über die Ohrmuschel und den Gehörgang ans Trommelfell. Dort werden sie von den Gehörknöchelchen verstärkt und in die Schnecke des Innenohrs weitergeleitet. Etwa 20.000 Sinneszellen (Haarzellen) wandeln diese Schwingungen in elektrische Impulse um, die über den Hörnerv zum Gehirn gesendet werden. Dort wird das Hören bewusst und der Ton zur Information. Von Geburt an speichert unser Gehirn Geräusche und verknüpft sie mit Emotionen. Angenehme Klänge entspannen uns, während laute, bedrohliche Geräusche unser Gehör schärfen. Ein Tinnitus lässt sich jedoch keinem bekannten Ton zuordnen. Das Unterbewusstsein reagierte mit Panik, was die Wahrnehmung des Geräuschs oft verstärkte
Tinnitus - Ursachen & Risikofaktoren
Ein Tinnitus kann viele verschiedene Ursachen haben. Bei einer Reihe von Patienten ist allerdings weder eine Ursache noch ein Auslöser nachweisbar (idiopathischer Tinnitus).
Der objektive Tinnitus
Der objektive Tinnitus kann von anderen Menschen gehört und medizinisch messbar gemacht werden. Es handelt sich hierbei um Strömungsgeräusche von Blutgefäßen durch Verengungen (pulsierendes Geräusch) oder klickende Töne, die durch unwillkürlich zuckende Bewegungen der Muskulatur im Mittelohr oder Gaumen entstehen. Andere Ursachen können Herzklappenerkrankungen, Blutarmut (Anämie), eine offene Tube oder ein gutartiger Tumor im Bereich der Kopfschlagader (Glomustumor) sein.
Der subjektive Tinnitus
Der subjektive Tinnitus wird nur von dem Betroffenen selbst gehört. Seine Entstehung ist bislang nicht vollständig erklärbar. Fachleute gehen davon aus, dass geschädigte Haarzellen oder fehlgeschaltete Nervenbahnen falsche Signale an das Hirn weitergeben. Eine andere Störungsquelle kann direkt im Hörzentrum entstanden sein, so dass die übermittelten Informationen des Hörnervs richtig ankommen, aber falsch verarbeitet werden.
Als Ursachen für einen subjektiven Tinnitus sind bekannt:
Akustische Traumen/Hörsturz
Man vermutet, dass bis zu 30% aller subjektiven Tinniti Folge übermäßiger Lärmbelastung sind. Dazu zählt die Musikbeschallung bei einem Rockkonzert oder über Kopfhörer ebenso wie der Lärm von lauten Maschinen. Außerdem können Traumen durch Explosionen oder einen lauten Knall (Knalltrauma) hervorgerufen werden. Eine häufige Ursache für die Entwicklung eines chronischen Tinnitus ist ein vorangegangener Hörsturz. Bei einem Hörsturz kommt es zu einem plötzlichen teilweisen oder kompletten, meist einseitigen Verlust des Gehörs (Innenohrschwerhörigkeit) sowie akuten Ohrgeräuschen.
Mögliche ursächliche Ohrerkrankungen
- Verknöcherung im Übergang zwischen dritten Hörknöchelchen (Steigbügel) und Innenohr (Otosklerose)
- Mittelohrentzündungen
- Innenohrentzündungen
- Tubenfunktionsstörungen
- Mangelnde Durchblutung des Innenohrs
- Trommelfelldefekt
- Verschluss des Gehörgangs durch Ohrenschmalz oder Fremdkörper
- Perilymphfisteln
Schwerhörigkeit
Vererbte, erworbene oder altersbedingte Schwerhörigkeit kann von einem Tinnitus begleitet sein.
Akustikusneurinom
Dieser gutartige Tumor sitzt beengend am Hörnerv. Er kann neben einem Tinnitus Schwindel und vermindertes Hören verursachen.
Morbus Menière
Morbus Menière ist ein Drehschwindel, der in Anfällen auftritt. Während eines Anfalls leidet der Betroffene in der Regel unter einem tieftonigen Geräusch sowie Schwerhörigkeit.
Funktionsstörungen der Halswirbelsäule
Veränderungen oder Blockaden insbesondere an den drei obersten Gelenken der Halswirbelsäule sind möglich, werden aber als Ursache kritisch diskutiert.
Zahn-Kiefer-Bereich
Zahnfüllungen, Zähneknirschen, Kieferfehlstellungen und verkrampfte Kaumuskulatur (Craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD), Zahn-Extraktionen – auch diese Ursachen sind sehr selten.
Emotionale Belastung
Auf welche Weise Stress, Angst, Überforderung oder psychische Erkrankungen zu einem Tinnitus führen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend bewiesen. Etwa die Hälfte der Erkrankten mit einem chronischen Tinnitus berichtet jedoch von erheblichem Stress in der Vergangenheit oder Gegenwart.
Medikamentennebenwirkungen
Einige Medikamente rufen Nebenwirkungen hervor, die das Hörsystem beeinflussen. Das Gehör schädigende und somit auch Tinnitus auslösen.
- harntreibende Arzneien
- spezielle Antibiotika
- Krebsbehandlungen
- Anti-Malaria-Mittel
- bestimmte Psychopharmaka
Andere Ursachen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z.B. Herzrhythmusstörungen, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck
- Stoffwechselerkrankungen, z.B. Diabetes oder Nierenfunktionsstörungen
- Störungen im Hormonhaushalt, z.B. während der Menopause
- Schädel-Hirn-Traumen
- Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (z.B. Multiple Sklerose), Hirntumoren, Hirnhautentzündungen
- Narkosen, insbesondere über das Rückenmark (Spinalanästhesie)
- Veränderte Druckverhältnisse im Ohr, z.B. durch Tauchgänge oder Flugreisen (Barotrauma bei Unterdruck, Caisson-Krankheit bei Überdruck im Ohr)
- Alkoholmissbrauch
Tinnitus – Anzeichen und Verlauf
Ein Tinnitus kann die unterschiedlichsten Geräusche verursachen, die auch über den Tag variieren können: Ein Pfeifen, Rauschen, Hämmern, Zischen, Summen, Klingeln, Klopfen oder Knarren. Sie treten einzeln oder gemischt auf, andauernd oder ständig wiederkehrend, an- und abschwellend, veränderlich in der Frequenz, auf einem oder auf beiden Ohren. Am häufigsten beschreiben Patienten hohe Pieptöne oder ein monotones, tieferes Rauschen. Bei starker Schwerhörigkeit kann es auch eine Melodie sein. Liegt ein objektiver Tinnitus aufgrund von gefäßbedingten Prozessen vor, sind die Geräusche pulssynchron.
Ohrgeräusche werden von dem Patienten auf einem, beiden Ohren oder mittig im Kopf wahrgenommen. Objektiv gemessen sind sie nicht lauter als das Rascheln trockener Blätter, also knapp über der sogenannten Hörschwelle. Das ist die Grenze, ab der jemand individuell einen Ton hören kann.
Stress, körperliche Überbeanspruchung oder Alkoholgenuss können verstärkend wirken. Manche Menschen nehmen ihr Geräusch aufgrund der Stille besonders in der Nacht wahr und schlafen daher schlecht ein.
Im Zusammenhang mit einer Schwerhörigkeit wird ein Tinnitus lauter empfunden, da die Geräusche aus der Umwelt nicht mehr ablenkend wirken.
Schwindel und Hörminderung können mit einem akuten Tinnitus – vor allem im Zuge eines Hörsturzes einhergehen.
Vor allem in der akuten Phase des Tinnitus reagiert etwa die Hälfte der Betroffenen übermäßig empfindlich auf laute Geräusche in der Umwelt (Hyperakusis). Leise Musik, Stimmengemurmel oder Autoverkehr wirken hingegen angenehm, da sie das innere Geräusch in den Hintergrund drängen.
Tinnitus - Einteilung der Schweregrade
Wie sehr ein Patient unter seinem Tinnitus leidet, hängt nicht allein von der Art des Tons, sondern sehr von der persönlichen Tagesform und der inneren Einstellung zu der Problematik ab. Das Ausmaß der Belastung haben die Mediziner daher in vier Schweregrade unterteilt.
Einteilung nach Biesinger et al.
Grad 1: Der Tinnitus ist gut kompensiert, kein Leidensdruck
Grad 2: Der Tinnitus tritt hauptsächlich bei Stille auf und wirkt störend bei Stress und Belastungen
Grad 3: Der Tinnitus führt zu einer dauernden Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich. Es treten Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich auf.
Grad 4: Der Tinnitus führt zur völligen Dekompensation im privaten Bereich, Berufsunfähigkeit
Tinnitus - Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen
Obwohl das Tinnitus-Risiko mit dem Alter steigt, sind auch Kinder und Jugendliche zunehmend betroffen. Oft tritt der Tinnitus nach einer Mittelohr- oder Gehörgangsentzündung oder wegen eines Ohrenschmalzpfropfens auf und verschwindet nach der Behandlung der Grunderkrankung. Häufige Auslöser sind laute Musik bei Konzerten oder per MP3-Player.
Normal hörende Kinder entwickeln nur selten chronischen Tinnitus, bei Schwerhörigkeit tritt er häufig auf. Meist kommen die Kinder gut damit zurecht, und die Heilungschancen sind hoch.
Psychische Ursachen sind selten, aber möglich. Eltern sollten auf Anzeichen wie Schlafprobleme, körperliche Beschwerden, verschlechterte Schulleistungen oder Traurigkeit achten und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, falls nötig.
Behandlung eines akuten und chronischen Tinnitus
Bei einem akuten Tinnitus ist eine Hörprüfung angezeigt, um eine begleitende Hörstörung auszuschließen. Die Behandlung des akuten Tinnitus ist schwierig, es gibt derzeit keine wissenschaftlich gesicherte, evidente Therapie. Von Bedeutung ist die Differenzialdiagnostik (die Abklärung von Hörnervenschädigungen u.a. auslösender Faktoren durch den HNO-Arzt, der Ausschluss psychischer Komorbiditäten, die z.B. durch Konfliktsituationen ausgelöst werden können, ggf. auch durch einen Facharzt für Psychiatrie oder der Ausschluss neurologischer Erkrankungen).
Bei einem seit mehreren Monaten andauernden (chronischen) Tinnitus besteht das Behandlungsziel vor allem darin, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern und den belastenden Zustand bestmöglich zu kompensieren. Es existieren verschiedene Behandlungsansätze. Die Wissenschaftlichkeit der einzelnen Behandlungsmethoden (z.B. Tinnitus-Retraining-Therapie, TRT) ist jedoch derzeit nicht evident belegt. Auch hier steht die Ursachensuche im Vordergrund.
Bei chronischen Tinnitus ist derzeit nach wissenschaftlichen Untersuchungen eine psychotherapeutische Intervention die am besten untersuchte und daher wissenschaftlich empfohlene Methode der Therapie. Alle weiteren Behandlungsverfahren sind zum Teil unzureichend untersucht. Trotzdem ist daher mit und ohne gleichzeitig bestehender Hörgeräteindikation, eine Therapie mit einem Tinnitusmasker zu empfehlen. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren diese Behandlungsmethode, wenn der HNO Arzt ein Verdeckbarkeitsphänomen mit Hilfe diagnostischer Verfahren (Tinnitusanalyse nach Feldmann) nachgewiesen hat.
Behandlung eines objektiven Tinnitus
Kann die Ursache eines Tinnitus abgeklärt werden (objektiver Tinnitus), beinhaltet die Therapie die Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung. Gefäßstörungen oder Gefäßverengungen werden beispielsweise operativ beseitigt. Muskelzuckungen werden mit Medikamenten zur Behandlung epileptischer Anfälle (Antikonvulsia oder Antiepileptika), Botulinumtoxin oder durch die Durchtrennung des betroffenen Muskels unterdrückt. Blockaden in der Halswirbelsäule oder des Kiefers werden korrigiert. Sind diese möglichen Ursachen ausgeheilt, bestehen gute Chancen, dass auch der Tinnitus wieder verschwindet.
Musiktherapie
Bei einer Musiktherapie im Rahmen einer Tinnitus-Erkrankung wird das Gehör mit bewusstem Hören von Klängen neu geschult. Vertraute und geliebte Stücke rufen positive Erinnerungen wach. Das Hörtraining wird durch Variationen dieser Melodien intensiviert. Die ausgewählte Musik sollte auf die Tinnitusfrequenz abgestimmt sein. Die Methode ist wissenschaftlich nicht abschließend belegt, aber sie wirkt in jedem Fall entspannend und ist als unterstützende Behandlung geeignet. Laut einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Musiktherapie zeigte sich, dass bei musiktherapeutisch behandelten Tinnitus-Patienten das Ohrgeräusch nach einem Jahr leiser geworden war und als weniger lästig empfunden wurde.
Tinnitus – Was kann ich selbst noch tun?
Von großer Bedeutung bei der Bewältigung eines Tinnitus ist die aktive Mitwirkung des Patienten. Soziale Isolation ist der falsche Weg. Herausfinden, was einem guttut, leichter Ausdauersport und andere Hobbies sind wichtig, um dem Quälgeist im Ohr keinen übermäßigen Platz im Leben einzuräumen. Leise Musik oder andere angenehme Geräusche können die Stille überbrücken, besonders beim Einschlafen. Ausgewogene Ernährung, weitgehender Verzicht auf Alkohol und Tabak wirken unterstützend.
Betroffene sollten immer wieder überprüfen, ob Konflikte im privaten oder beruflichen Umfeld vorhanden sind und diese versuchen zu bewältigen. Das trägt erheblich zum Stressabbau bei. Ist der Druck zu hoch, sollte psychotherapeutische Unterstützung gesucht werden, eventuell auch im Rahmen einer Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT).
Tinnitus - Vorsorge
Spezielle vorsorgende Maßnahmen gegen einen Tinnitus gibt es nicht. Da seine Entstehung u.a. mit Stress und Lärm in Verbindung gebracht wird, empfiehlt es sich, diesem von Zeit zu Zeit bewusst auszuweichen. Anhaltendem Stress im Alltag sollte man versuchen, bewusst und entspannt zu begegnen.
Bei Konzert- und Clubbesuchen sind Ohrstöpsel sinnvoll, die ggf. professionell vom HNO-Arzt angepasst werden können. Es ist ratsam, auf häufige oder stundenlang laute Musikbeschallung über Kopfhörer vollständig zu verzichten. Bei arbeitsbedingtem Lärm ist unbedingt auf einen entsprechenden Hörschutz zu achten.
Auftretende Ohrgeräusche sind oftmals ein Warnsignal des Körpers. Sind sie nach einem Tag nicht wieder verschwunden, sollte man einen HNO-Arzt oder einen Tinnitus Spezialisten aufsuchen.